Der Frühkommunist

Der vor 250 Jahren geborene Robert Owen ging im Geist der Aufklärung gegen einige der Grundübel des frühen Kapitalismus vor. Zu den Erfolgen und Grenzen seiner Strategie, die den Boden für eine soziale Revolution bereiten sollte.

Es gibt kaum eine Figur in der britischen Arbeiterbewegung, die eine ähnlich starke Wirkung hatte wie Robert Owen. Mit dem Namen des Baumwollfabrikanten und langjährigen Managers von »New Lanark« verbindet sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts der neue Begriff des Sozialismus. Im »Manifest der Kommunistischen Partei« wurde Owens Position als utopischer Sozialismus bezeichnet, über den im Sinne einer revolutionären Praxis und politischen Gesamtstrategie hinauszugehen sei. Daraus jedoch zu schließen, dass Marx und Engels die Leistungen Owens unterschätzt hätten, wäre verfehlt. So geht Marx noch im »Kapital« immer wieder auf Owens »Kooperativfabriken« sowie seine Siedlungsprojekte ein. Und Engels stellt im »Anti-Dühring« (1877) die überragende historische Bedeutung Owens unmissverständlich heraus, wenn er davon spricht, dass »alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter« zustande gekommen sind, sich an den Namen Robert Owen knüpfen.¹

Der aus einem kleinen walisischen Ort stammende Robert Owen, geboren am 14. Mai 1771, macht bereits früh Karriere als höchst erfolgreicher Manager der Baumwollindustrie. Mit 18 ist er selbständiger Unternehmer, mit 21 Jahren leitender Fabrikdirektor eines Großbetriebes mit 500 Arbeiterinnen und Arbeitern, der sich auf die Verarbeitung nordamerikanischer Baumwolle für Feingarne spezialisiert. 1800 übernimmt er die Leitung der schottischen Fabriksiedlung von »New Lanark«, damals einer der größten Fabriken weltweit. Doch es ist deren experimentelle, ja sozialrevolutionäre Umgestaltung, die Owen als einzigartige Chance begreift. Er ist sich bewusst, dass er in einer politischen, sozialen und kulturellen Umbruchphase lebt, die neben enormen Fortschritten ebenso große Probleme aufwirft. In England ist es vor allem der von 1750 bis 1850 währende Prozess der »Enclosures«, der Einhegung von Gemeindeland, der Millionen von Bauern vom Land vertreibt. Auch die Kriegserfahrung spielt eine Rolle, Hunderttausende kämpfen nahezu zwei Jahrzehnte in den antinapoleonischen Kriegen. Hinzu kommt, als wohl nachhaltigster Faktor, die Einführung neuer Technologien (vor allem der mechanisierten Webstühle), die breite Schichten aus ihren traditionellen Lebenszusammenhängen reißt.

Soziales Experiment

»New Lanark« demonstriert die Widersprüche der kapitalistischen Industrialisierung, die einerseits moderne Technologie bereitstellt und Siedlungen außerhalb der Städte anlegt, da noch die Naturkraft – in diesem Fall des kleinen Flusses Clyde – benötigt wird, die aber andererseits die Arbeiter zu Knechten der neuen Produktionsmittel macht und die dem Profitstreben der Eigentümer dienen. Die Zusammensetzung der Arbeiterschaft verweist auf die sozialen Probleme dieser Jahre, die Entwurzelung der bäuerlichen Bevölkerung, die die Arbeit nur gezwungenermaßen annimmt. Sie werden in diese Arbeit gepresst, die traditionellen Armenhäuser weisen sie immer öfter ab. Nahezu ein Fünftel sind obendrein Waisen, die zumeist über keinerlei Schulbildung verfügen. Owen betrachtet deshalb »New Lanark« nicht nur als kapitalistisches Unternehmen, sondern als soziales Experiment. Es soll eine »moralische« Umwelt geschaffen werden, die ohne Armut und Kinderarbeit auskommt und den Arbeiterinnen und Arbeitern hilft, sich zum Besseren zu entwickeln. Owen teilt nicht die Sicht der anderen Mitglieder der Oberschicht, die im entstehenden Proletariat eine zwar benötigte, aber verkommene Schicht sehen, die letztlich sogar am miserablen Zustand der Gesellschaft selbst schuld sei. Schuld sind für Owen die vom modernen Konkurrenzdenken korrumpierten Umweltbedingungen. Die normalerweise zur Kontrolle oder Beschwichtigung herangezogene Instanz von Kirche und Religion lehnt der aus der Tradition der Aufklärung stammende Owen strikt ab, da sie die Verantwortung für die Probleme dem Einzelnen anlastet.

Sehr bald geht Owen über einen selektiven Reformismus hinaus und entwickelt statt dessen ein zusammenhängendes System. Er betrachtet sich als Manager, der auch das Verhalten der Arbeiter durch eine Vielzahl von Maßnahmen steuern will. Der Erfolg ermöglicht bald weitergehende Reformen, wie die Begrenzung der Arbeitszeit auf zwölf Stunden (statt 16) oder die Gründung einer Schule, die den Titel »Institut für die Formierung des Charakters« trägt und sehr bald auch eine Vorschulerziehung einschließt. Die Reformtätigkeit ist freilich weitgehend paternalistisch, Ansätze zu einer Mitbestimmung der Arbeiterinnen und Arbeiter sind beschränkt.

Robert Owen demonstriert also die Möglichkeiten eines »Kapitalismus mit menschlichem Antlitz«.² Seine Produktionsstätten sind keine »dunklen Satansfabriken«, sondern Prototypen für ein integratives Wirtschaftsmodell, das zu Wohlstand und Aufstiegsmöglichkeiten der Arbeiter führt. »New Lanark« wird in dieser Phase zu einem Mekka für auf Reform gestimmte Humanisten, Politiker und Intellektuelle. Owens »Entdeckung« besteht darin, dass »Individuen immer durch die Umstände geformt werden«, so dass verbesserte Umstände auch höher entwickelte Menschen ermöglichen. Owens Überzeugung, durch eine bahnbrechende Entdeckung die Lösung der aktuellen Probleme gefunden zu haben, geht so weit, dass er seine Maßnahmen nicht nur seinen Berufskollegen empfiehlt, sondern weltweit propagiert. »New Lanark« ist das Modell, dem immer neue Siedlungsgemeinschaften folgen, deren Ziele vor allem Bildung, Erziehung, Zugang zu den Formen menschlicher Zivilisation und solidarische Kooperation sind. Sein Modell könne, wie Owen sagt, so »zu Recht als eine neue Maschine angesehen werden (…), mit der man alle Vorhaben des menschlichen Lebens ausgezeichnet ausführen kann«.

Owen wird sich in den folgenden Jahren immer stärker bewusst, dass die ihn umgebende Welt den Gesetzen des Kapitalismus folgt. Die industrielle Revolution führt nicht nur zum Untergang des alten Englands, sondern zur Etablierung einer Klassengesellschaft, deren antagonistische Gegensätze nicht deutlicher sein könnten. Die angebliche Zivilisation ist nichts anderes als eine offene, auf Profitbasis organisierte Barbarei. Widerstand, auch gewaltfreier, und Protestaktionen waren unter Premierminister William Pitt bereits 1795 vorbeugend eingeschränkt worden. »Koalitionen« der Arbeiter sind und bleiben noch lange verboten. Die öffentlichen Diskussionen sind bis auf weiteres von den Interessen der alten Aristokratie und den bürgerlichen Kapitalinteressen bestimmt. Owen bemüht sich nach 1814 verstärkt darum, auf die Regierung Einfluss zu nehmen, um die in »New Lanark« so erfolgreichen Reformen wie die Beschränkung des Arbeitstages, die Zurückdrängung der Kinderarbeit, die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Einführung der allgemeinen Schulbildung auch gesamtgesellschaftlich durchzusetzen. Anfangs tritt er dabei als Sprecher einer Fraktion von Textilindustriellen auf, die primär am Freihandel interessiert ist.

Doch sehr bald verbreitet er eine Losung, die ganze Generationen von Arbeiterinnen und Arbeitern inspirieren sollte: »Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung, acht Stunden Schlaf!« Aus Owen, dem paternalistisch-aufklärerischen, humanitär-wohltätigen Fabrikanten, ist um 1817 ein »Sozialist« geworden, eine Art »Lykurgischer Gesetzgeber des industriellen Zeitalters«, wie ihn der britische Geschichtsprofessor Gregory Claeys bezeichnet.

Radikale Konzepte

Owen begnügt sich nicht mit bloßen Reformen. Bereits in »New Lanark« war er abhängig geblieben von den Eigentümern der Fabrik, die jederzeit die Experimente abstellen oder blockieren konnten. Er musste nachweisen, dass seine Maßnahmen sich »rechneten« und Profit brachten (was sie auch taten). Die Reformen waren zudem Reformen von oben, was Owen nicht unbedingt als ideal ansah. Vor allem aber waren sie reversibel.

Owen verstärkt deshalb seine Aktivitäten auf staatlicher Ebene. Dies hat auch politische und ökonomische Gründe, insofern nach dem Sieg über Napoleon eine Wirtschaftskrise zu verstärkter Arbeitslosigkeit führt. 1818 wendet er sich sogar an die Siegermächte gegen Napoleon, um sein Konzept einer vernunftorientierten Lösung für die akuten wirtschaftlichen Probleme vorzustellen, freilich ohne Erfolg.

In England geht man gegen den Sozialreformer auf Konfrontation. Der kann nicht begreifen, dass man die Siedlungsgemeinschaften nicht einmal debattieren will. Als relativer Erfolg kann gelten, dass man nach mehrjährigen Diskussionen ein – stark verstümmeltes – Gesetz zur Beschränkung der Kinderarbeit verabschiedet. Die Opposition in dieser Frage, zu der auch David Ricardo gehört, besteht auf dem Dogma der angeblich freien Konkurrenz des Marktes. Andere Nationalökonomen wie Thomas Robert Malthus beschwören das Gespenst einer Überbevölkerung, die durch Siedlungen nur verstärkt werde. Man müsse vielmehr den »natürlichen« Prozessen, also dem Untergang der ohnehin nutzlosen Bevölkerung, ihren Lauf lassen.

Owen setzt dem seinen 1821 verfassten »Bericht über Lanark« entgegen, in dem er seine gegen Ricardo gewendete Arbeitswerttheorie vertritt, worin er ökonomisch ausführt, warum die Arbeiter, die die Werte schaffen, auch dazu berechtigt seien, sie sich anzueignen. Begründet wird dies durch »das Prinzip der vereinten Arbeit, der Ausgaben und des Eigentums sowie der gleichen Privilegien«. Man hat dies als »Geburtsstunde des modernen Sozialismus« bezeichnet. Unmissverständlich wird das »Prinzip des individuellen Interesses« kritisiert, das »ständig im Gegensatz zum öffentlichen Gut steht« und dafür sorgt, »dass die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft die antisozialste, unklügste und irrationalste ist, die man treffen kann«. Eine solche Gesellschaftsordnung sei ferner nicht in der Lage, die zu erwartenden Krisen zu meistern, die die Lage der Arbeiter weiter verschärfen und die Arbeitslosigkeit erhöhen würden. Zwar hätten sich die Produktivkräfte dank der Anwendung von Maschinen in wenigen Jahrzehnten verzwölffacht, doch führe dies nicht zu einer Verbesserung der Lage oder zu der Einsicht, dass egoistische Klasseninteressen und Ausbeutung völlig kontraproduktiv seien. »New Lanark« und die geplanten Siedlungsgemeinschaften erscheinen als Modell für einen Übergang zu einem »sozialen System«, in dem die Arbeiter als die Wert und Reichtum Schaffenden allmählich eine stärkere Rolle zu spielen vermögen.

Doch Owen sieht auch immer deutlicher, dass ideologische Faktoren das Entstehen einer neuen Gesellschaft blockieren. So geißelt er in einer der »geistigen Unabhängigkeit« gewidmeten Rede aus dem Jahr 1826 die unheilige Dreieinigkeit aus privatem Eigentum, den »absurden und irrationalen Systemen der Religion« und der auf individuellem Eigentum gründenden Ehe. Die Frontlinien sind damit klar. Owen gilt als Verräter seiner Klasse.

Siedlerkommunismus

Ab Mitte der zwanziger Jahre nehmen Owens Konzepte von Gemeinschaftssiedlungen Züge eines utopischen Kommunismus an, was vor allem für die diversen Projekte in den USA gilt. Gleichzeitig entwickelt sich – teils unter seiner, teils ohne seine Führung – eine ganze Bewegung diverser gesellschaftlicher Gruppen, die Kapitalismuskritik mit praktischen Experimenten freier Gemeinschaftlichkeit verbinden, also einen libertären Kommunismus anstreben. Bereits 1821 wird die »Spa Fields Community« gegründet, weitere Gemeinschaften folgen. In Orbiston, in der Nähe von Glasgow, werden die Arbeiter selbst zu Akteuren ihres eigenen Projekts. Das Problem der meisten Siedlungen besteht in der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit. Zumeist ist der finanzielle Druck zu groß, um eine wirklich attraktive Produktions- und Lebensweise zu ermöglichen.

In England zieht der Owenismus auch breitere Schichten von Handwerkern, qualifizierten Arbeitern und Intellektuellen an, die sich nicht nur auf Industriesiedlungen beziehen, sondern auch ländliches Leben und Arbeiten auf dem Land kombinieren und zum Teil sogar mit moderner Produktivität zu verbinden suchen. Es zeigt sich, dass Owens Ideen eine Eigendynamik entwickeln, die von den im einzelnen kaum zu unterscheidenden Gruppen von Gewerkschaftern und Genossenschaftlern getragen wird. Die Gründung zahlreicher owenitischer Genossenschaften, Klubs und Gemeindehäuser umfasst Tausende, die in ihren Aktivitäten die Keimzelle einer neuen Gesellschaft sehen. In den dreißiger Jahren wird die Verbreitung des Owenismus noch wachsen, ja zu einer »Integrationsideologie« der sich formierenden Arbeiterbewegung werden.³

Owen selbst unternimmt 1825 (und in den Folgejahren) ein großes Experiment in den USA: Er kauft die von der religiösen Sekte der Shakers gegründete, im Staat Indiana gelegene Siedlung »Harmony« und benennt sie in »New Harmony« um. Die Situation ist insofern anders als in »New Lanark«, als es sich um freie Bürgerinnen und Bürger handelt, die das Unternehmen tragen, nicht um angestellte Arbeiterinnen und Arbeiter. Owen wirbt gleichzeitig für sein Projekt auf politischer Ebene und stellt in einer Rede im Repräsentantenhaus heraus, dass »die vereinte Arbeit (…), sei es in der Landwirtschaft oder in Fabriken«, Güter effizienter herstellen und bessere Produkte als die Produkte des kapitalistischen Konkurrenzsystems liefern kann.

Das Scheitern des Projekts nach relativ kurzer Zeit liegt vor allem an den offenen Strukturen, der Fluktuation der Arbeitskräfte und der experimentellen Form des Leistungs- und Güteraustausches. Die in »New Lanark« so durchorganisierte Praxis des personellen und finanziellen Managements fehlt in »New Harmony«. Der Übergang vom verschuldeten »Harmony« zu einer Siedlung, die kommunistisches Eigentum schaffen sollte, gelingt nicht. Owen hatte sein eigenes Kapital investiert und sieht sich nun gezwungen, vorübergehend die Führung zu behalten. Die Tatsache, dass jeder aufgenommen werden kann (Schwarze allerdings sich bloß als »Helfer« verdingen dürfen), erhöht die Kosten und trägt nicht zu gesteigerter Produktivität bei. Auch die volle Integration von Frauen erweist sich als schwierig, da sie zumeist mit traditioneller Hausarbeit überlastet sind. Ein Ausgleich zwischen Leistungsprinzip und Gleichheitspostulat gelingt nicht. Am Ende bleiben von »New Harmony« nur die Bildungseinrichtungen, die sich selbständig machen und zum alten Bezahlsystem zurückkehren.

Erste Gewerkschaften

Als Owen 1829 wieder auf Dauer nach Großbritannien zurückkehrt, hat sich eine breite Arbeiterbewegung formiert, die auf Gewerkschaften, Genossenschaften und anderen linken Gruppierungen basiert. Sie werden zumeist – trotz der Unterschiede – »Unions« genannt. Die Gesellschaft ist im Aufbruch, vor allem nach dem Verrat der bürgerlichen Klasse, die das Wahlrecht auf die wohlhabenden Gruppen beschränkt. Anfang 1834 wird Owen zum »Grand Master« der ersten landesweiten Vereinigung der Gewerkschaften, die mehr als eine Million Mitglieder zählt und damit eine breitere demokratische Basis als die Wahlberechtigten zum britischen Parlament aufweist. Doch die Einheit der Gewerkschaftsbewegung kommt nicht zum Tragen, Streikbewegungen werden rigoros unterdrückt, auch die Option des Generalstreiks wird nicht genutzt.

Aber die genossenschaftliche Bewegung floriert, und landesweit kommt es zur Gründung von Kooperativläden, um die Kosten für Konsumgüter zu reduzieren und den Einzelhandel zu umgehen. Weitergehende, von Owen unterstützte Pläne sehen vor, den direkten Austausch zu organisieren und Produzenten und Konsumenten direkt zu verbinden. Owen stellt ferner Überlegungen zum Übergang zu einem neuen Währungssystem an, wobei er auf frühere Ansätze zurückgreifen kann. In »New Lanark« hatte er – wie auch andere Fabrikanten – Zertifikate als Lohn ausgegeben, die dann in den Fabrikläden eingelöst werden konnten. Als Ausgangsthese hatte er 1821, nach der durch die Wiedereinführung des Goldstandards ausgelösten Krise, die Position vertreten, dass »im Prinzip die menschliche Arbeit oder die kombinierte körperliche und geistige Macht der Menschen (…) den natürlichen Standard von Wert bilden«. Das Abrücken vom Goldstandard steigere die Produktivität. Daraus ergebe sich als Konsequenz, wie Owen sagt, dass am besten »alle Artikel miteinander zu ihren Ursprungskosten oder mit Verweis auf die Menge an Arbeit, die in ihnen steckt, ausgetauscht werden, die gerecht ermittelt werden kann«. Dazu müsse »ein Medium« eingeführt werden, das diesen Wert repräsentiert und das deshalb einen realen und beständigen Wert darstellt und »nur dann emittiert wird, wenn der Reichtum deutlich ansteigt.«

1832 kommt es unter Owens Leitung im Zentrum Londons zur Gründung der »National Equitable Labour Exchange«, einer Börse für den gerechten Güteraustausch auf der Basis des Arbeitswerts. Owen sieht in diesem Projekt eine »Brücke« zu einer besseren Gesellschaft. Aber es scheitert, da sich Angebot und Nachfrage nicht in Übereinstimmung bringen lassen. Die Lager mit Produkten, in die Arbeitszeit investiert wurde, quellen über von Artikeln, die keiner will.

Was die organisierte Arbeiterbewegung betrifft, so kommt es nach 1834 zu einer Spaltung in die Charta oder die Chartisten, die für das allgemeine Wahlrecht eintreten und darin den Weg zur politischen Umgestaltung sehen, und die Oweniten, die weiter auf die Gründung von Siedlungsgemeinschaften setzen. »Die Chartisten verweisen darauf, dass ohne politische Macht auch keine sozialen Veränderungen möglich seien, die Oweniten bestehen darauf, dass erst auf einer geänderten sozialökonomischen und kulturellen Grundlage auch eine andere gesamtnationale Politik erfolgen würde«.⁴ Die Oweniten begründen dies damit, dass sich das Wahlrecht angesichts der politischen Kräfteverhältnisse kaum durchsetzen lasse. Ferner zeige das amerikanische Beispiel, wie begrenzt die Möglichkeiten eines allgemeinen Wahlrechts (für weiße Männer) seien. Die Spaltung wird die Arbeiterbewegung auf Jahrzehnte lähmen.

Der Owenismus selbst gewinnt an Kohärenz und nimmt gleichzeitig Züge einer geradezu »endzeitlichen« Bewegung an. Owen selbst ist einige Jahre lang der Repräsentant einer »Association of All Classes and Nations«, die später in »Rational Society« umbenannt wird. Bildung und Kultur stehen im Vordergrund der Aktivitäten. Zentrales Publikationsorgan ist die in einer wöchentlichen Ausgabe in einer Auflage von 40.000 Exemplaren zwischen 1839 und 1843 erscheinende New Moral World, in der auch der junge Friedrich Engels erste Aufsätze publiziert. Freilich sind ihre Anhänger mehr und mehr Verfolgungen ausgesetzt, die sich namentlich gegen angebliche Blasphemie, Freigeisterei und die liberale Ehekonzeption richten.

Der Owenismus trägt klassenübergreifende Züge: Die Arbeiter nehmen an einer breiten Bewegung teil, aber auch Angehörige anderer Schichten sind bei den regelmäßigen Versammlungen, Reden und Feiern vertreten, so »Handwerker, die davon träumten, die Marktökonomie zu umgehen«, »qualifizierte Arbeiter«, die auf eine breite Verankerung der Gewerkschaftsbewegung setzen, Weber, die auf erneute Selbständigkeit hoffen, Arme, die von Land und von Zion träumen, und schließlich die philanthropische Gentry mit ihrem Wunsch nach einer vernünftig geplanten Gesellschaft – »sie alle einte das Ziel einer gerechten, brüderlichen Gesellschaft, in der die gegenseitige Hilfe Aggression und Konkurrenz ersetzen würde«.⁵

Owen selbst setzt seine Hoffnung verstärkt auf die »Middle Class« als die einzig »effizient führende Klasse in der Gesellschaft«. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die natürlich dringend für die weiterhin projektierten Siedlungsgemeinschaften benötigt werden, bedürften der Ausbildung, der Führung. 1839 kommt es nach langjährigen Spendenaktionen zur Gründung eines größeren Projekts, »Queenwood«, um so erneut modellhaft die Ansätze einer »neuen Welt« zu demonstrieren. Owen beginnt den Bau von »Harmony Hall«, einem großzügigen, ja luxuriösen Wohn- und Arbeitszentrum. »Queenwood« hält sich sechs Jahre (und damit länger als jedes andere kommunistische Projekt Owens), doch auch dieser Versuch scheitert, da sich weder das Problem der Leitung lösen lassen, noch die Produktivität den Überschuss erreicht, der weitere Investitionen überflüssig machen würde.

Der historische Ort

Das Scheitern der Projekte sollte die Leistung Robert Owens nicht schmälern. Er selbst hat sich von den Rückschlägen nie beeindrucken lassen und setzte seine Aktivitäten – auch nach dem Verlust seines Vermögens – bis zu seinem Tod 1858 fort. Er blieb vom Zukunftsweisenden seiner Zielsetzungen und der Vision einer auf Bildung und Kooperation bestehenden Gesellschaft überzeugt. Er wird deshalb zu Recht als einer der Begründer des Sozialismus, einer neuen Auffassung des Sozialen, ja einer Wissenschaft von der Gesellschaft, gesehen. Marx und Engels konnten hier anknüpfen und auch aus dem Scheitern der anspruchsvollsten, aber zum Teil auch unrealisierbaren Projekte (wie dem »Arbeitsgeld«) Lehren ziehen. Selbst solche Projekte erfüllten durchaus ihren Zweck, insofern sie Owens Konzepte verdeutlichten und Alternativen oder Weiterentwicklungen anregten. Owens politische Strategie, sein Absehen vom Klassenkampf wie von einer einigenden, die politisch-ideologischen Ziele klärenden Organisation erwiesen sich dagegen als Defizite, wenngleich man auch dies im Kontext der Zeit sehen sollte. Den historischen Ort Owens hat wohl am klarsten Marx formuliert, wenn er davon spricht, dass dieser radikale Reformer, anders als viele Anhänger, keine Illusionen über die beschränkte Tragweite seiner noch »isolierten Umwälzungsmomente« hegte. Letztlich fand Marx in Werk und Wirken Owens gleichzeitig »Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft«.⁶

Anmerkungen und Quellen

1 MEW 20, S. 245

2 Michael Brie: Wie der Sozialismus praktisch wurde. Helle Panke, Berlin 2015, S. 14

3 Michael Vester: Die Entstehung des Proletariats als Lernprozess. Zur Soziologie der Arbeiterbewegung. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1970, S. 27

4 Brie, a. a. O., S.41

5 Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt a. M. 1987, S. 908

6 MEW 23, S. 526

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