Das Trauerspiel von Afghanistan

Die deutsche Oberkommandierende befiehlt am Montag, den 16.08.2021: »Unsere Soldaten haben einen tollen Job gemacht.« Und Angela Merkel hat Recht! Es ist wie 1918: Die »Mörder in Uniform« sind im Felde unbesiegt. Sie haben am Hindukusch nämlich ihre eigene und »unsere Sicherheit« verteidigt, nicht die von Afghanistan. Und sie haben erreicht, dass es 20 Jahre lang keinen Angriff afghanischer Streitkräfte auf die Bundesrepublik gab. Das soll uns erst einmal einer nachmachen. Zuständig waren unsere Soldaten nur für deren Tod oder wenn sie sich der deutschen Grenze nähern. Diese Dolchstoßpolitik ist zum kotzen. Wie damals wurde ein Dolch in den deutschen Rücken gestoßen. Angela Merkel: »Es gab keine Bindung der afghanischen Streitkräfte zum Volk, es hat nicht so funktioniert, wie wir uns das gedacht haben.« Das war zu ahnen: Denken. Im Krieg. Wer 2001 wissen wollte, wie’s funktioniert, hätte z. B. in Theodor Fontanes Ballade »Das Trauerspiel von Afghanistan« aus dem Jahr 1859 nachlesen können, siehe unten.

Am Dolchstoß waren auch die USA beteiligt. Merkel: »Da ist eine große Abhängigkeit voneinander, die auch in solchen Momenten ausgehalten werden muss.« Abhören unter Freunden geht angeblich schon nicht. Was ist, wenn sie einen wie einen Fußabtreter behandeln, nicht anders als Afghanen? Selbstverständlich nichts. Wie reagieren EU und Nato auf den drohenden Fall von Kabul? Offiziell gar nicht – in den Hauptquartieren herrscht das große Schweigen. Es soll die Mitschuld an dem Debakel verdecken. EU-Korrespondenten fragen die Europäische Kommission in Brüssel nach einem Statement zum Drama von Kabul. Sie wollen wissen, ob und wie die EU reagiert. Doch Kommissionspräsidentin von der Leyen, die als deutsche Verteidigungsministerin selbst vor nicht allzu langer Zeit für Afghanistan zuständig war, schweigt. Schuldiges Schweigen in Brüssel. Auch ihr “Außenminister” Borrell duckt sich weg. Aber jetzt ist es wie immer, alle ducken sich weg, von den USA ganz zu schweigen. Auch Nato Generalsekretär Stoltenberg duckt sich weg. Kein Wort zum Sieg der Taliban, keine Reaktion auf die Kapitulation der afghanischen Armee, keine Geste für die vielen tausend afghanischen Helfer, ohne die sich USA, Nato und EU-Hilfstruppen nie im Land gehalten hätten.

Die westlichen Chefs sind sprachlos, ihr Schweigen drückt hochnotpeinliche Verlegenheit aus. Schließlich haben sie jahrelang behauptet, sie würden in Afghanistan “Nation Building” betreiben und die Streitkräfte ausbilden und stärken. Fast ohne Gegenwehr ergibt sich eine Armee von 300.000 Soldaten den Taliban. Eine Armee, die 20 Jahre lang von der NATO ausgebildet wurde. Die USA haben das afghanische Militär jahrelang aufgerüstet. Wie konnte es soweit kommen? Auch diese Frage wird noch beantwortet werden müssen. Auch das Geblubber in den letzten Jahren schon in Veröffentlichungen des Außenministeriums. Bereits bei der zeitweiligen Übernahme des Vorsitzes des Weltsicherheitsrats vor zwei Jahren hatte Heiko Maas getönt:

    „Als global vernetztes Land setzen wir uns für eine regelbasierte Weltordnung ein, die von der Stärke des Rechts und nicht durch das Recht des Stärkeren geprägt ist.“ Der Mann ist ein Meister der Realitätsverweigerung. Weshalb er alsbald auch gegen das Verbot von Atomwaffen stimmte. Seine Kriecherei in Richtung Rektum des US-Imperators sollte mithelfen, Deutschland einen Ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat zu verschaffen. Natürlich wurde nichts daraus. Die Tagesschau verschwieg den Schweinkram mit gewohnter Zuverlässigkeit.

Regierungen, die sich der „westlichen Wertegemeinschaft“, WWG, widersetzen, wird gewöhnlich unterstellt, sie störten die „regelbasierte internationale Ordnung“. Russland und China sowie deren politisches Umfeld werden ständig dessen bezichtigt. Gegen schwächere Staaten geht die WWG rücksichtslos mit Sanktionen vor und oft auch mit brutaler militärischer Gewalt. Irak, Syrien und Libyen sind jüngste Beispiele für den permanenten WWG-Völkerrechtsbruch. Die Charta der Vereinten Nationen, das Völkerrecht, ist die einzige global gültige zivile Ordnung. Sie hindert die WWG jedoch nicht an ihren modernen Kolonialkriegen.

Nun sind die Taliban in Kabul – Austausch der regierenden Gangs. 2014 überrannte der IS die irakische Stadt Mossul und erbeutete umgerechnet 318 Millionen Euro in der Zentralbankfiliale – die reichste Terrorbande der Welt. Die US-Besatzer waren vorher abgezogen, jetzt sind sie wieder da, auch deutsche Soldaten. Man kann so ein säuberlich zerstörtes Land nicht einfach jemandem überlassen. Es besteht die Gefahr, dass es zum Wiederaufbau kommt.

Mein kurzes Fazit hierzu lautet: Es gibt Verbrechen, über die kein Gras wächst!

Anmerkungen und Quellen:

Der Erste Anglo-Afghanische Krieg von 1839 bis 1842 war eine von drei militärischen Auseinandersetzungen des Britischen Empire mit Afghanistan zwischen 1839 und 1919, den Anglo-Afghanischen Kriegen. Nur einer überlebte Englands schwerste Niederlage.

Im Januar 1842 versuchten 16.500 britische Soldaten und Zivilisten, sich von Kabul nach Pakistan durchzuschlagen. Sie kamen bis zum Chaiber-Pass. Dort kam es zu einer furchtbaren Katastrophe.

https://www.historic-uk.com/HistoryUK/HistoryofBritain/Britains-Retreat-From-Kabul-1842/

Nicht zu vergessen ist die Erinnerung: Am 6. August stellten zwei Richter am Bundesgerichtshof ein Buch vor, um das Ansehen der Bundeswehr wiederherzustellen und einen »Propagandaerfolg der Taliban« zunichte zu machen. Bundeswehroberst Georg Klein hatte in der Nacht zum 4. September 2009 – kurz vor einer Bundestagswahl – US-Kampfjägern befohlen, steckengebliebene Tanklaster zu bombardieren. Die US-Piloten warnten ihn mehrfach, dort seien sehr viele Menschen versammelt, offenkundig Zivilisten. Klein blieb stur, die beiden Bundesrichter auch. Sie haben sich nämlich Videos der Tatnacht angesehen, sprachen zwar nicht mit Zeugen oder den Flugzeugführern, wissen nun aber genau: Klein war Opfer. Wie die gesamte nach Afghanistan entsandte Truppe. Auf das Wahlergebnis hatte das Massaker 2009 übrigens keinen Einfluss. Die Abstumpfung bei Krieg kommt voran.

Lost in Europe

https://lostineu.eu/fall-von-kabul-verle-ogenes-schweigen-in-bruessel/

Afghanistan: Taliban erbeuten massenweise modernes Kriegsgerät der USA

https://www.berliner-zeitung.de/news/afghanistan-taliban-erbeuten-massenweise-modernes-kriegsgeraet-der-usa-li.177050

US-Faustrecht geht vor Völkerrecht

In diesem Beitrag zeigen die Autoren am aktuellen Geschehen um die Entsendung der Fregatte „Bayern“, wie abstrus die deutsche Außen- und Militärpolitik ist. Und sie zeigen weiter, wie Tagesschau und andere Medien der gleichen Art rundum versagen. Sie sind unfähig und unwillig, das Geschehen kritisch zu begleiten.

tagesschau.de/inland/fregatte-bayern-101.html

bmvg.de/de/aktuelles/rede-akk-auslaufen-bayern-indo-pazifik-5204436

tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-8433.html

auswaertiges-amt.de/de/search?search=Regelbasierte%20Ordnung

auswaertiges-amt.de/blob/281456/9c6f37d447fb4345413fb592a4c25ff5/sicherheitsrat-broschuere-data.pdf

hpd.de/artikel/deutschland-stimmt-gegen-atomwaffenverbot-13710

linkezeitung.de/2019/02/08/tschuess-freiheit-und-demokratie-willkommen-regelbasierte-internationale-ordnung/

freidenker.org/?p=10859

kundschafter-ddr.de/kramp-karrenbauers-kanonenboot-politik-im-suedchinesischen-meer/

verfassungsblog.de/voelkerrechtswidrigkeit-benennen-warum-die-bundesregierung-ihre-verbuendeten-fuer-den-syrien-luftangriff-kritisieren-sollte/

frieden-sichern.dgvn.de/meldung/der-hegemon-und-das-voelkerrecht-die-usa-drohen-dem-internationalen-strafgerichtshof/

http://www.balladen.de/web/sites/balladen_gedichte/autoren.php?b05=8&b16=709

https://de.wikipedia.org/wiki/Josep_Borrell

https://www.welt.de/geschichte/article161130837/Nur-einer-ueberlebte-Englands-schwerste-Niederlage.html

https://www.jungewelt.de/artikel/408509.na-dann-weiter-so.html

Das Trauerspiel von Afghanistan

Theodor Fontane

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,

Ein Reiter vor Dschellalabad hält,

„Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,

Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt;

Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,

Sir Robert Sale, der Kommandant,

Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,

Sie setzen ihn nieder an den Kamin,

Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,

Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,

Von Kabul unser Zug begann,

Soldaten, Führer, Weib und Kind,

Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,

Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,

Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,

Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall,

Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,

Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,

Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,

So lasst sie’s hören, dass wir da,

Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,

Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,

Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,

Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,

Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,

Laut, wie nur die Liebe rufen mag,

Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,

Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

„Die hören sollen, sie hören nicht mehr,

Vernichtet ist das ganze Heer,

Mit dreizehntausend der Zug begann,

Einer kam heim aus Afghanistan.“

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